Dienstag, 2. Mai 2017

# Rückzug

Ich bin nunmehr soweit, mich sogar von sozialen Netzwerken zurückzuziehen; also WhatsApp & Co. Wenn ich nicht unbedingt eine Nachricht erwarte, oder gerade in Kontakt mit jemandem bin, bleibt das Internet auf meinem Handy aus.

Am Todestag meiner Mutter hat mir nur eine einzige Freundin geschrieben, dass sie an mich denkt. Das hat so gut getan und ich weiß das so zu schätzen. Zu wissen, dass da jemand ist, der daran gedacht hat. Eine andere Freundin hat mir eine Karte gesendet, mit einem selbstgeschriebenen Gedicht; das war so wunderschön.

Mein bester Freund hat mich offenbar aus seinem Leben katapultiert. Wir standen uns früher so nahe und deshalb bin ich irgendwie immer noch auf dem Stand, dass er sich "um mich kümmert" und dass ich mich an ihn halten kann, obwohl das schon lange nicht mehr so ist. Aber irgendwie klammere ich mich so an ihn. Für mich ist er noch immer einer der Wichtigsten. Dass das für ihn aber mittlerweile nicht mehr so ist, vergesse ich immer wieder und deshalb trifft es mich auch immer wieder aufs Neue, dass er in Zeiten wie diesen nicht da ist.

Eine andere Freundin schrieb mir heute "Ich war in Gedanken bei dir, aber ich wollte dir nicht schreiben, weil es sowieso schon schwer genug für dich war". Das verstehe ich nicht. Aber ist auch egal. 

Von einem weiteren Freund kam heute auch nur eine halbherzige Nachricht von wegen "Sorry, dass ich nicht für dich da war, ich habe ein total schlechtes Gewissen. Du weißt, dass du dich jederzeit bei mir melden kannst, oder?"

Ich weiß gar nicht mehr, was ich von solchen Nachrichten halten soll. Überhaupt von diesem "ich bin für dich da". Ich sehe leider kaum was davon. Ich weiß nur, dass ich mir bei diversen Freunden stundenlanges Gejammere über Exfreunde/freundinnen anhören kann, aber noch mit keinem einzigen von ihnen über meine Mutter gesprochen habe. Seit einem ganzen, verdammten Jahr nicht.

Ich meine, ich nehme die Schuld da auch größtenteils auf mich - ich bin niemand, der um Hilfe bittet. War ich noch nie; werde ich nie sein. Aber ich weiß auch gar nicht, wie sowas ablaufen sollte. Ich kann ja auch nicht "auf Kommando" über ein so sensibles Thema reden, erst recht nicht so von mir aus. Ich wünschte, jemand würde mal nachfragen, wie es mir seitdem ergangen ist und wie ich mittlerweile zurechtkomme, sodass ich endlich sagen kann, dass es mir in Wahrheit sehr schlecht geht... Aber das tut niemand und ich verstehe nicht, warum.

Das ist alles so verzwickt. Ich glaube, ich brauche jemanden, der mich da wieder rauszieht, und ich glaube auch, dass ich das nicht von meinen Freunden erwarten kann. Da muss schon professionelle Hilfe her. Wenn ich dazu bloß den Mut hätte. :(  

Vermutlich ist für die meisten mittlerweile auch genug Zeit vergangen. Nur für mich ist es noch immer so wahnsinnig präsent.

Der Todestag war so furchtbar und der Gottesdienst noch viel schlimmer, da war wirklich jedes Wort, jedes Gebet, jedes Lied zu viel. Alles kam wieder hoch. Ich war dann später die restliche Zeit alleine und hab viel zu viel Alkohol konsumiert, was dann alles noch schlimmer gemacht hat. 

Aber ich habs überlebt, auch alleine...

Damals habe ich mir 1 Jahr Zeit gegeben, um wieder einigermaßen klarzukommen, und wenn nicht - so habe ich mir damals selbst gesagt - gäbe es ja immer noch den "Notausgang" aka. Suizid. 
Jetzt weiß ich nicht, was ich machen oder denken soll. 1 Jahr ist lächerlich wenig Zeit, um so etwas zu verarbeiten, aber vermutlich werde ich das in 10 Jahren immer noch sagen. Und ich will mein Leben nicht damit verbringen, meine eigene Deadline immer wieder zu verschieben, mit blöden Ausreden - bzw. ich hatte natürlich ursprünglich nie vor, mir überhaupt eine "Deadline" zu setzen, aber ich will eben auch nicht auf ewig so weiterleben...